LOGISTIK 4.0 – Schleppender Technikeinzug gefährdet Branche

Eine aktuelle, repräsentative Studie der RWTH Aachen belegt den schleppenden Einzug der Logistik 4.0-Technologien in die Transportlogistik. Nur etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen nutzt derzeit das existierende Digitalisierungspotential und könnte so den rasanten Wandel der Märkte verpassen.

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In der 4.0-Welt sind alle Akteure der Wertschöpfungskette miteinander vernetzt. Sie teilen gemeinsame Ziele wie etwa Liefermengen, Zeitfenster etc. und nutzen gemeinsame Ressourcen zum Vorteil aller Beteiligten. (Foto: RS Media Group / Jakub Gorajek)

Staumeldungen, Feinstaub-Alarm und Warnungen vor einem Verkehrskollaps: Laut Erkenntnissen der EU-Kommission werden 350 Milliarden Leerkilometer jedes Jahr auf Europas Straßen zurückgelegt Das wird sich jedoch dann ändern, wenn 4.0-Technologien flächendeckend Einzug in die Transportlogistik halten. Denn sie beschleunigen die Digitalisierung, ermöglichen allen Beteiligten Echtzeit-Kollaboration, treiben die Automatisierung voran und revolutionieren die Branche. Gemessen am verkehrspolitischen Potenzial und den wirtschaftlichen Vorteilen besteht bei den Unternehmen allerdings noch viel Luft nach oben. In welchen Bereichen und Branchen besteht Nachholbedarf? Welche Zukunftsthemen sollten Verlader umgehend auf ihre Agenda setzen? Das hat jetzt eine aktuelle Studie der RWTH Aachen University in Zusammenarbeit mit der Transporeon Group herausgefunden.

„Informationen werden in Echtzeit verfügbar, wodurch sich die Transparenz und die Flexibilität erhöhen. Von dieser Entwicklung profitieren alle Beteiligten, weshalb die Logistik der Zukunft durch Kooperation selbst konkurrierender Mitbewerber geprägt sein wird.“ (Peter Schmidt, CEO Transporeon Group)

 Nur etwas mehr als ein Drittel

Unter dem Begriff „Transportlogistik 4.0“ haben die Forscher des Cybernetics Lab IMA/ZLW & IfU der RWTH Aachen University verschiedene marktreife Technologien sowie in der Entwicklung befindliche technologische Trends zusammenfassend analysiert und Unternehmen verschiedener Branchen und Größe zu ihrer aktuellen Praxis befragt. Eine Erkenntnis der Erhebung: Derzeit nutzen die befragten Unternehmen im Schnitt erst 37,5 Prozent des gesamten Digitalisierungspotenzials.

Transportbranche zurückhaltend. Beispiele aus der Praxis sind der Einsatz moderner Kommunikationsmedien wie Apps, die digitale Erfassung aller wichtigen Transportdaten oder die onlinebasierte Bearbeitung der Transportdokumente. Trotz möglicher Arbeitszeitersparnisse und -erleichterungen wickeln, das ergibt die Studie, erst zwölf Prozent aller Unternehmen ihre transportrelevanten Dokumente vollständig digital ab. Vorreiter sind der Handel, die Consumer- und Automobilbranche sowie der Maschinenbau. Hier werden diese Dokumente von bis zu 80 Prozent der befragten Unternehmen bereits ganz, überwiegend oder immerhin schon zum Teil online abgewickelt. Je größer ein Unternehmen ist, desto weiter ist es auf dem Weg der Digitalisierung bereits vorangeschritten.

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P. Schmidt, CEO Transporeon Group: „„Informationen werden in Echtzeit verfügbar, wodurch sich die Transparenz und die Flexibilität erhöhen.“ (Foto: RS Media Group Archiv / Transporeon)

 Logistik 4.0: Revolution im Transport

Die Logistik 4.0-Welt eröffnet mittels Schnittstellen Zugriffsmöglichkeiten auf Dienste und Services anderer Akteure – was die flexible Vernetzung in Form dynamischer Netzwerke möglich macht. Hier liegt das größte Potenzial für die Transportlogistik: „Informationen werden in Echtzeit verfügbar, wodurch sich die Transparenz und die Flexibilität erhöhen. Von dieser Entwicklung profitieren alle Beteiligten, weshalb die Logistik der Zukunft durch Kooperation selbst konkurrierender Mitbewerber geprägt sein wird. Diese Dualität von Konkurrenz und Kooperation auf Märkten wird als Coopetition – Kooperationswettbewerb – bezeichnet“, erklärt Peter Schmidt, Geschäftsführer und CCO der Transporeon Group. Die neuen Technologien haben in der Transportlogistik also große Wirkung: Transporteure, die mit Gewinnmargen von unter drei Prozent operieren, können durch eine konsequente digitale Vernetzung, beispielsweise über cloudbasierte Logistikplattformen, ihre Lkw besser auslasten, mit kürzeren Warte- und Standzeiten Kosten sparen und ihre Mitarbeiter effizienter einsetzen. Verlader wiederum erhöhen mit dem Einsatz moderner Technologien die Ladeproduktivität, was die Transportkosten reduziert. Hinzu kommen optimierte Abläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die wiederum die Prozesskosten senken.

Vernetzung über geschlossene Kooperationsplattformen. In der 4.0-Welt sind alle Akteure der Wertschöpfungskette miteinander vernetzt. Sie teilen gemeinsame Ziele wie etwa Liefermengen, Zeitfenster etc. und nutzen gemeinsame Ressourcen zum Vorteil aller Beteiligten. Kooperationsplattformen erleichtern dabei die Zusammenarbeit und Koordination. Beispielsweise können Verlader über cloudbasierte Plattformen für tagesaktuelle Transporte automatisch einen großen Pool angeschlossener Speditionen anfragen. Eine weitere Erleichterung: Spediteure buchen selbst freie Zeitfenster für die Be- oder Entladung. Und der Sendestatus kann online von beiden Partnern lückenlos nachverfolgt werden – ohne zeitraubende Telefonate oder aufwendig verwaltete, nur einseitig einsehbare Excel-Tabellen. Die vorliegende Studie zeigt jedoch, dass aktuell nur gut ein Drittel (38 Prozent) der befragten Unternehmen dieses Kooperationspotenzial für sich nutzen aus. Und sogar in diesem Bereich fortschrittliche Verlader aus Handel, Pharma-, Chemie-, Consumer-, Automobil- oder Baustoffbranche erreichen gerade einen Kooperationsgrad zwischen 40 und 50 Prozent.

In der 4.0-Welt sind alle Akteure der Wertschöpfungskette miteinander vernetzt. Sie teilen gemeinsame Ziele wie etwa Liefermengen, Zeitfenster etc. und nutzen gemeinsame Ressourcen zum Vorteil aller Beteiligten.

Intelligente Informationsnutzung wenig gefragt

Dabei lägen in der zunehmenden Vernetzung und enger Kooperation wichtige Potenziale für die Transportlogistik vergraben. Sie liefern nämlich eine Fülle an wertvollen Daten. Heute kommen sie z.B. in Marktbeobachtungs-Tools zum Einsatz und werden zum Benchmarking herangezogen. Das ist jedoch erst der Anfang. Die Trends der Zukunft heißen „Big Data“ und „Predictive Analytics“: denn aus den Daten lassen sich weitreichende Erkenntnisse und Vorhersagen über künftige Entwicklungen extrahieren.

Marktbeobachtung Fehlanzeige. Trotz des weitreichenden Potenzials nutzen, wie die Studie belegt, weniger als 20 Prozent der befragten Unternehmen ein Marktbeobachtungs-Tool. Nur in der Baustoffbranche sind diese schon bei 22 Prozent der Befragten gängige Praxis. Hingegen ist Benchmarking für Frachtraten über alle Branchen hinweg weit verbreitet. Aber auch hier setzen nur wenige Betriebe geeignete, spezialisierte Tools oder externe Dienstleister ein. Entsprechende Lösungen kommen bislang erst bei Konzernen mit über einer Mrd. Euro Umsatz zu 44 Prozent zum Einsatz. Aspekte der Weiterverarbeitung von Daten sind in der Studie in einem Informationsnutzungsgrad zusammengefasst worden. Dieser beträgt im Durchschnitt 39 Prozent.

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Uber: Für Taxiunternehmen gehen die Lichter aus, wenn sie nicht auf den Digitalisierungszug aufspringen. (Foto: Martin Jäger / www.pixelio.de)

Logistik 4.0: Kompetenzen müssen Standard werden

Die Studie zeigt anhand quantitativer Gesichtspunkte auf, dass viele Unternehmen die weitreichenden Potenziale moderner Technologien in der Transportlogistik noch nicht erkannt haben. „Der Einführung von 4.0-Technologien sollte über die gesamte digitale Wertschöpfungskette hinweg eine zentrale Rolle zukommen, insbesondere für Entscheider aus Industrie und Wirtschaft. Die in der Studie adressierten, digitalen Kompetenzen müssten sich als industrielle Standard-Anforderungen etablieren. Viele Unternehmen zeichnen sich jedoch weiterhin durch erheblichen Nachholbedarf aus, während bei technologischen Vorreitern bereits Trends wie autonomes Fahren oder additive Fertigungsverfahren Einzug halten. Diese werden, gemeinsam mit den disruptiven Potenzialen der Big-Data-Ära, die Zukunft der Transportlogistik nachhaltig revolutionieren“, mahnt Prof. Dr. Sabina Jeschke, Head des Cybernetics Lab IMA/ZLW & IfU an der RWTH Aachen University, zum raschen Handeln. Mit anderen Worten: Wer die Potentiale der Digitalisierung nicht für sich nutzt, gerät nicht nur unter Druck, sondern verschwindet mittelfristig ganz vom Markt.

Logistik 4.0: Uberisierung des Transports

Dass diese Prognose durchaus berechtigt ist, zeigt die Studie selbst. Denn insgesamt haben rund 1.500 Unternehmen die Analyse-Software Logistics 4.0 Maturity Benchmark der RWTH Aachen University genutzt, um ihre Digitalisierungsprozesse auf den Prüfstand zu stellen. Für die Studie „Alles 4.0 oder doch nur Hype? Schlüsseltrends der Transport Logistik“ wurde hieraus eine repräsentative Stichprobe von 282 Unternehmen, aus dem deutschen Sprachraum, gewählt. Die Fragen des Analysetools wurden dann zentralen Handlungsfeldern (Dimensionen) einer zukunftsweisenden Logistik zugeordnet, wobei die Festlegung der Dimensionen auf Experteninterviews und aktueller Fachliteratur basierte. Diese quantitativen Ergebnisse wurden qualitativ durch Erkenntnissen aus Tiefeninterviews mit 30 Experten der internationalen Transport- und Logistikbranche ergänzt. Die Studie beleuchtet auch die Automatisierung der Lieferkette oder Service-Level-Erweiterungen und thematisiert neben „Big Data“ Trends wie autonomes Fahren, Robotik oder additive Fertigungsverfahren.

„Uber“ funktioniert vor allem in Ballungszentren: Eine hohe Bevölkerungsdichte garantiert die gute Nachfrage. Fraglich ist, ob dieses Prinzip auch in der Speditionsbranche gelingen kann.

Studie verdeutlicht Gefahrenpotenzial. Mit anderen Worten: die Studie ist nicht nur repräsentativ, sondern zeigt gleichzeitig auch das Gefährdungspotenzial einer ganzen Branche, wenn sie sich nicht rasch auf die vierte industrielle Revolution einstellen. Und in der Tat: Die „Uberisierung“ ergreift die Transport- und Logistikbranche. So lautet zumindest das Resümee des Oliver Wyman-Reports „Transport & Logistics“. Und wer nicht dabei ist, bleibt außen vor. Dauerhaft.

Kein Stein auf dem anderen

Was das bedeutet, skizziert etwa die Beratungsagentur ABG mit Sitz in München. „Die rasch fortschreitende Digitalisierung wird in der Transportbranche dafür sorgen, dass neue Wettbewerber mit einem ähnlich interaktiven Geschäftsmodell auch Alteingesessenen gefährlich werden können“, heißt es dort. Gleichzeitig könnte die Uberisierung aber auch lange am Markt tätige Unternehmen Chancen eröffnen, denn Prozesse und Kundenschnittstellen können mit Hilfe der Digitalisierung verbessert und die Marktanteile verteidigt werden.

Smart Trucking Apps im Vormarsch. So werden etwa in der Speditionsbranche sogenannte „Smart-Trucking-Apps“ oder wie die Plattform von Transporeon simple Kooperationen zwischen Frachtgut und freien Transport-Kapazitäten ermöglichen, ohne dass ein Vermittler dazwischen steht. Niedrigere operative Kosten und höhere Erträge aufgrund geringerer Provisionszahlungen für Vermittler, sind dabei die Vorteile für die Transporteure.

 Logistik 4.0: Automatisierung nicht aufzuhalten

Im Vergleich zur Beförderung von Passagieren ist die von Gütern meist jedoch viel komplexer. Damit lässt sich der Personentransport einfacher digitalisieren und auch automatisieren als der Gütertransport. Das zitierte Beispiel „Uber“ funktioniert vor allem in Ballungszentren: Eine hohe Bevölkerungsdichte garantiert die gute Nachfrage. Fraglich ist, ob dieses Prinzip auch in der Speditionsbranche gelingen kann. Die Aussage des Reports ist aber ganz klar: Wer als Transportunternehmen nicht mit der „Uberisierung“ mithält, wird über kurz oder lang ersetzt. In der Lkw-Industrie zeichnet sich ein Trend bereits deutlich ab: Das autonome Fahren. Die aktuelle Studie der McKinsey & Company mit dem Titel „Delivering Change“ kommt zu dem Schluss, dass jedes dritte verkaufte Nutzfahrzeug 2025 in Europa in bestimmten Situationen vollautonom fahren kann. Dabei geht es vor allem um die Ruhezeiten: Kann der Lkw Teile der Strecke, zum Beispiel auf der Autobahn, selbstständig fahren, müsste der Fahrer die Ruhezeiten nicht in dem Maß einhalten, wie es heute noch der Fall ist. Damit lassen sich die Lieferkosten erheblich senken – aktuell machen die Gehaltskosten des Fahrers zwischen 30 und 40 Prozent der Gesamtkosten beim Betrieb eines Fahrzeuges aus.

 Logistik 4.0: Mitarbeiter vs. Apps

Sollte sich autonomes Fahren zum Standard entwickeln, werden Taxi- und Lkw-Fahrer überflüssig. Auch Postboten könnten ihre Jobs verlieren, wenn sich Briefe und Pakete zukünftig mit Robotern oder Drohnen ausliefern lassen. Die Welt zitiert in ihrem Artikel vom 11. Januar dieses Jahres Forscher, die in der Digitalisierung eine Gefahr für Arbeitsstellen sehen. Bislang sind durch den technischen Fortschritt meist neue Arbeitsplätze entstanden, doch das ändert sich eventuell. Apps könnten zukünftig klassische Tätigkeiten tatsächlich überflüssig machen. Experten verwenden hier den Begriff „Dematerialisierung“: Wenn ein Schlüssel zum Beispiel durch eine App auf dem Smartphone ersetzt wird, entfällt die Produktion des Schlüssels und damit natürlich auch die Herstellung der Maschinen, die den Schlüssel produzieren. Wenn es die Maschinen nicht mehr gibt, müssen auch keine Ersatzteile gefertigt werden und man braucht für den Transport des Schlüssels keine Logistik. Eine nicht enden wollende Kette von Konsequenzen also, die sich hinter der zunehmenden Digitalisierung verbirgt. Aktuell sind das Vermutungen, denn auch das papierlose Büro ist mit der Massentauglichkeit von Computern nie Wirklichkeit geworden. In einigen Jahren wird sich zeigen, was davon tatsächlich Realität wurde und welche Chancen für die Branche mit der Digitalisierung und Automatisierung verknüpft waren.

rwth-aachen.de

transporeon-group.com

abg-partner.de

Die Studie kann bei Transporeon kostenfrei heruntergeladen werden.