INVESTITIONEN IN DOBL – Das steirische Silicon Valley

Im Herbst 2017 hat der österreichische Logistik-Automationsspezialist Knapp seinen eigenen Campus in Dobl eröffnet. Dahinter steckt allerdings weit mehr als nur ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Intralogistik und Automation. Hier wollen die Steirer High Potentials und Startups aus der ganzen Welt eine Anlaufstelle bieten, die weit über die Intralogistik-Grenzen hinaus denken und neue Wege im Business gehen wollen.

Ein Bericht von Hans-Joachim Schlobach

(v.l.) C. Brauneis, W. Skrabitz (Foto: RS Media Solution)
(v.l.) C. Brauneis, W. Skrabitz (Foto: RS Media Solution)

Wer nach Dobl unweit von Graz kommt, dürfte am modernen aber durchaus unscheinbaren Bürogebäude kaum bemerken, dass sich hier ein Forschungszentrum für Intralogistiklösungen und ein Startup-Zentrum befindet, welches das Zeug hat, die Steiermark zu einem Silicon Valley Österreichs zu entwickeln. Lediglich der Name verrät Kennern, dass hier High Potentials aus der ganzen Welt faktisch rund um die Uhr arbeiten bzw. mit dem Campus verbunden sind. Auch die etwas abgeschiedene Lage des Gebäudes lässt wenig erkennen, dass hier Logistik-Innovationen für die Weltwirtschaft entwickelt werden.

Wissensstandort Steiermark

Lediglich Insider wissen, dass es von hier aus nur wenige Kilometer beispielsweise bis zur Karl-Franzens Universität und der TU in Graz ist und sich das Stammhaus von Knapp in Hart nur wenige Fahrminuten entfernt befindet. Hier ist österreichisches Hightech-Know-how zu Hause. Das kommt nicht von ungefähr, denn diese Region war eigentlich schon immer ein Zentrum für den europäischen Automobil- und Motorenbau und wies daher eine hohe Logistik-Affinität aus. Hier in der Steiermark haben, neben Knapp, wichtige Industrieunternehmen ihren Sitz wie etwa Magna Steyr, AVL List, ABB, aber auch Andritz, KTM Sportcar usw. Die Region prosperiert daher ähnlich wie Oberösterreich.

(Foto: xbrchx / Fotolia.de)
Uni-Stadt Graz: Idyllische Talentschmiede des steirischen „Silicon Valley“. Von dort bezieht Knapp u.a. auch seinen Nachwuchs. (Foto: xbrchx / Fotolia.de)

Fachkräftebedarf auf Dauer ungestillt. Darum ist der Bedarf an Fachkräften hoch. Und darum ist es für die Industrie besonders wichtig, dass der Nachschub ausgebildeter Spitzenkräfte nicht abreißt. Dafür sorgen in der Steiermark neben der Karl Franzens-Universität und der TU Graz, die Montanuni Leoben und diverse Fachhochschulen wie etwa in Graz, Kapfenberg und Bad Gleichenberg. Die strategisch hervorragende Lage in Dobl mit optimalen Verkehrsanbindungen eröffnet Knapp jedoch auch ganz neue Einzugsgebiete im Hinblick auf weitere Fachkräfte. Einige Mitarbeiter kommen bereits aus Kärnten und bringen eine hervorragende Ausbildung mit, ist aus Unternehmenskreisen zu hören.

„Es für uns notwendig, attraktive Umgebungen zu schaffen, die Spitzenkräfte aus der ganzen Welt anlocken und dazu begeistern, auch längerfristig hier zu bleiben.“ Wolfgang Skrabitz, CEO Knapp Industry Solution

Spitzenkräfte weltweit gesucht. Dennoch bilden Unternehmen wie Knapp auch selber aus. „Das sichert uns eine gewisse Basis. Allerdings reicht das bei weitem nicht aus, um den rasant wachsenden Bedarf zu decken. Darum ist es für uns notwendig, attraktive Umgebungen zu schaffen, die Spitzenkräfte aus der ganzen Welt anlocken und dazu begeistern, auch längerfristig hier zu bleiben“, sagt Wolfgang Skrabitz, CEO Knapp Industry Solution in Dobl im Gespräch mit blogistic.net.

Der neue Campus in Dobl

Genau das dürfte wohl auch mit ein Grund für Knapp gewesen sein, einen eigenen Campus in Dobl zu schaffen. Hier sind die beiden Knapp-Töchter Industry Solutions und ivii angesiedelt. Unter ihrem Dach werden künftig innovative Technologien für Industrie und Logistik entwickelt.

Anlaufstelle für Know-how. Doch hier soll noch viel mehr passieren, als das. Dobl soll auch Anlaufstelle für High Potentials und Startups aus dem Hightech-Bereich aus der ganzen Welt werden. Gefragt ist nicht nur Logistikwissen, sondern faktisch Technik-Know-how über sämtliche Grenzen hinweg: Vom Maschinenbau, Hardware, Software bis hin zur Bionik. „Vor allem die Startups sollen nicht nur aus dem technischen Umfeld der Logistik kommen, sondern auch aus auf den ersten Blick technisch logistikfernen Bereichen“, erklärt W. Skrabitz die Ziele des Campus. Denn es gehe darum, über den Tellerrand hinaus zu blicken, neue Technik- und Businessfelder zu eröffnen und Synergien aus anderen Technologiefeldern und Branchen zu generieren, um daraus komplett neue Lösungen zu entwickeln.

(Foto: RS Media World / Knapp)
Das Forschungszentrum für Intralogistiklösungen und Startup-Zentrum von Knapp in Dobl, welches das Zeug hat, die Steiermark zu einem Silicon Valley Österreichs zu entwickeln. (Foto: RS Media World / Knapp)

Virtuelle Anwesenheit genügt. Bislang steht man hier jedoch erst am Anfang. Seit Herbst 2017 wurde, neben der ivii GmbH, bereits das zweite Startup physisch angesiedelt: redPilot. Das Unternehmen, das sich aus der Knapp-Gruppe heraus entwickelt hat, befasst sich mit der Optimierung von Logistikprozessen auf Softwarebasis und hat bringt hier eigene Entwicklungen zur Produktreife.

Virtuelle Entwicklungsräume. Dabei müssen diese Startups jedoch nicht zwingend physisch in der Steiermark sein, die digitale Anwesenheit reicht vollkommen. „Mit den heutigen Möglichkeiten der IT stellen wir virtuelle Forschungs- und Entwicklungsumgebungen her, welche die internationalen Fachleute betreten können, um mit uns gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten“, weist Christian Brauneis, der Bereichsleiter der Business Unit „Industry Solutions“ im Unternehmen hin. „Das ist insbesondere in der Softwareentwicklung Standard, aber auch im Engineering von Hardware Gang und Gäbe“, so C. Brauneis weiter und W. Skrabitz ergänzt: „Daher arbeiten wir beispielsweise auch gemeinsam mit Spitzenkräften aus Brasilien und anderswo an Lösungen für die dortigen Märkte.“ Für Spitzenkräfte, mit Knapp und Knapp Industry Solutions auf diese Weise zu kooperieren, dürfte attraktiv sein, denn die Anfrageliste ist lang.

(Das Interview mit W. Skrabitz und C. Brauneis finden Sie hier.)

150 neue Büroarbeitsplätze

75 Mitarbeiter sind aktuell in Dobl beschäftigt. Mit der Eröffnung des Campus ist jedoch Platz für weitere 150 Büroarbeitsplätze dazu gekommen. Auf 1.231 m2 entstanden im vergangenen Jahr helle und freundliche Büroräume, die ein angenehmes Arbeitsklima schaffen und eine offene Kommunikation ermöglichen. Hinzu kam außerdem ein modern gestalteter Aufenthaltsraum mit Küche- und Cateringzone. Darüber hinaus wurde auch die bestehende Produktionshalle um rund 600 m² erweitert. Zudem bietet der Standort Dobl genügend Raum für weitere Bürogebäude.

Schonung der Ressourcen. Der neue Gebäudekomplex zeichnet sich durch eine umweltbewusste Bauweise und minimalen Energieverbrauch aus. Herzstück des Energiemanagements ist eine Photovoltaikanlage mit 17 KW Leistung.

Investition in die Zukunft

Ressourcen sind also genug vorhanden, um High Potentials nach Dobl zu locken, die dabei helfen können, die Region zu einem Silicon Valley der Steiermark zu verwandeln. Doch ob das gelingt, hängt nicht von Unternehmen wie Knapp alleine ab, welche Fachkräfte aus dem Ausland mit offenen Armen empfangen. Hier ist vor allem die Politik gefragt, welche das Umfeld schaffen muss, um Anreize für weitere Investitionen dieser Art zu schaffen. Dazu zählen zum Beispiel – neben dem überfälligen Büokratieabbau – vertrauensbildende Maßnahmen. Hinzu kommen steuerliche Anreize sowie die nach wie vor dringend erforderliche Senkung der Lohn- und Nebenkosten sowie die Flexibilisierung von Arbeitszeiten.

„Mit den heutigen Möglichkeiten der IT stellen wir virtuelle Forschungs- und Entwicklungsumgebungen her, welche die internationalen Fachleute betreten können, um mit uns gemeinsam Lösungen zu arbeiten.“ Christian Brauneis, Bereichsleiter Business Unit „Industry Solutions“

Finanzielle Anreize. Gleichzeitig könnte die Einführung eines Beteiligungsfreibetrages für private Investoren in Höhe von 100.000 Euro, wie sie die Wirtschaftskammer schon lange fordert, die Bildung von Startups in Österreich im Allgemeinen und etwa in Dobl im Besonderen fördern. Damit könnte generell die Eigenkapitalausstattung von kleinen und mittleren Unternehmen verbessert und ein wichtiger Beitrag zur Stärkung alternativer Finanzierungsformen geleistet werden.

Willkommenskultur gefordert

Außerdem bedarf es in Österreich einer politisch geförderten Willkommenskultur für High Potentials aus der EU und aus dem Ausland, um Unternehmen wie Knapp das Recruiting von Fachkräften im Ausland zu erleichtern. Hierfür wurde 2011 mit viel medialem Getöse die Rot-Weiß-Rote Karte eingeführt. Damit sollten 8.000 hochqualifizierte Arbeitskräfte pro Jahr auf den hiesigen Arbeitsmarkt gelockt werden.

(Foto: RS Media World / Knapp)
Open Shuttle-Lösungen, wie sie u.a. am Campus im Dobl entwickelt werden, erledigen Transportaufgaben vollkommen autonom. (Foto: RS Media World / Knapp)

Rot-Weiß-Rot ein Flopp. Diese Initiative erwies sich jedoch bislang als echter Flopp. 2015 wurden lediglich knapp 1.200 Karten ausgegeben, 2016 waren es 1.800. Und heuer hat das AMS bis Ende Juli nur rund 1.000 Anträge bewilligt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Österreich hierfür im Ausland faktisch keine Werbung macht und die Möglichkeit für High Potentials, in Österreich arbeiten zu können, faktisch unbekannt ist. Ein weiterer Grund liegt im enormen bürokratischen Aufwand insbesondere für den ausländischen Antragsteller. Dieser kann nur unter strengen Auflagen und allenfalls temporär in Österreich arbeiten. Ein Antrag für Rot-Weiß-Rot ist so, trotz bester Qualifikation, schlichtweg unattraktiv. High Potentials gehen dann gleich lieber nach Kanada, in die USA oder Großbritannien, wo sie einerseits besser verdienen und andererseits sogar ganz unbürokratisch Ansiedelungshilfen bekommen, indem ihnen beispielsweise Amtswege abgenommen werden.

Bevölkerung zurückhaltend. Die hohen bürokratischen Hürden sind jedoch auch ein Ausdruck der Zurückhaltung der österreichischen Bevölkerung gegenüber Fremden. So ergab die jährlich durchgeführt Studie Expat Insider im vergangenen Jahr, dass Österreich das zweitschlechteste Zielland weltweit für Expats ist, um sich fern der Heimat einzuleben und an das neue Umfeld zu gewöhnen. Nur Dänemark unterbietet dieses Ergebnis der unter 13.000 Personen geführten repräsentativen Umfrage noch. Zudem schafft es Österreich auch in puncto Freundlichkeit bloß auf Platz 64 von 65; nur in Kuwait ist der Empfang noch weniger herzlich. In Österreich fällt es lediglich einer Minderheit der Teilnehmer (25 Prozent) leicht, auch unter den Einheimischen Freunde zu finden, während 42 Prozent der Expats rund um den Globus damit keine Probleme haben.

Tolle Unternehmen vs. schlechtes Gastland-Image. Die Studie wird jedes Jahr von InterNations, dem größten Expat-Netzwerk weltweit, durchgeführt. Die Studie bietet nicht nur eine ausführliche Analyse des Lebens im Ausland; sie enthält auch eine Rangliste von 65 Zielländern, welche die Bewertung diverser Faktoren – zum Beispiel Lebensqualität, Arbeitswelt und Eingewöhnung im Gastland – miteinbezieht. Österreich hat also als Gastland für Fachkräfte aus dem Ausland kein gutes Image. Ob nach der Wahl im Oktober 2017, die eine konservativ-rechtsextreme Regierung zur Folge hatte, das Image in Richtung Willkommenskultur verbessert werden kann, ist fraglich.

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