FASHIONLOGISTIK – Getrieben von E-Commerce und Individualisierung

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Die Fashionlogistik war schon immer sehr anspruchsvoll. (Foto: Jörg Brinckheger / www.pixelio.de)

Die Fashionlogistik in der Fashion-Branche steht wegen der Veränderungen durch E-Commerce, der zunehmenden Individualisierung und der Digitalisierung unter massivem Anpassungsgsdruck. Damit diese Veränderung zu einem Erfolg wird und auch in Zukunft die Kundenwünsche erfüllt werden, bedarf es eines intensiven Involvements des Topmanagements. Es geht nämlich nicht alleine um Wachstum, sondern vor allem um die profitable Erfüllung von sich laufend verändernden Kundenerwartungen. (Ein Fachbeitrag von Korbinian Sapper*)

Die Lagerlogistik in der Fashion-Branche war schon immer aufgrund der Vielfältigkeit der Produkte und Prozesse anspruchsvoll. E-Commerce, zunehmende Individualisierung und die zwangsläufig verstärkte Durchdringung mit IT-Lösungen bedeuten für die ehedem meist auf production-to-stock ausgerichtete Branche große Umbrüche bei der Transformation zu B2B2C.

 Alle sind betroffen. Die Veränderungen betreffen alle Abteilungen – vom Einkauf, über Vertrieb und Marketing, bis hin zu Produktion und Logistik, die den reibungslosen Materialfluss sicherstellen müssen. Als Bindeglied und gleichzeitig als Motor fungiert die IT. Damit diese Veränderung zu einem Erfolg wird und auch in Zukunft die Kundenwünsche erfüllt werden, bedarf es eines intensiven Involvements des Topmanagements. Moritz Hagenmüller, Geschäftsführer des Einzelhandels- und Konsumgüterbereichs bei Accenture Strategy, sieht einen klaren Trend in puncto Digitalisierung beim Handel. „Früher wurden bestimmte Profile wie der Chief Digital Officer gesucht und in dezidierten Bereichen eingesetzt, wie der Omnichannel-Einheit. Das war ein Übergangsphänomen. Heute sind wir an dem Punkt, wo „digital“ das neue „normal“ ist. Jeder Manager muss ein Stück weit Digital Officer sein, egal ob ich Finanzen digitalisiere oder im Vertrieb und Marketing bin und Daten ganz anders nutzen möchte.“

Die Veränderungen betreffen alle Abteilungen – vom Einkauf, über Vertrieb und Marketing, bis hin zu Produktion und Logistik, die den reibungslosen Materialfluss sicherstellen müssen.

Fashionlogistik – Blick zurück und nach vorne

Die Anforderungen an die Lagerlogistik bei Unternehmen der Modebranche sind ungleich höher als in vielen anderen Industriezweigen. Dies war aufgrund einer Vielzahl von Einflussfaktoren schon immer so. So war die Branche schon immer über die gesamten Saisonverläufe mit sehr unterschiedlichen Auftragsstrukturen konfrontiert. Dazu zählen etwa Erstausstattungen der Geschäfte zu Saisonbeginn und dann der Nachschub während der Saison. Eine weitere Herausforderung sind die sehr heterogenen Produktgruppen und die damit verbundenen Anforderungen an Lagerprozesse und -ausstattung (Stichworte: Liegeware vs. Hängeware, Schuhe, Accessoires etc.). Ein weiterer Aspekt sind längere Lieferzeiten durch die Produktionen im Ausland und die häufig damit verbindung stehende Anlieferung im Container samt schlechter Kartonqualitäten, die besonderen Anforderungen an die Fördertechnik stellen. Das macht zudem die Planbarkeit von Nachorders und Abverkäufen sowie die Retourenabwicklung zur Sisyphos-Arbeit.

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Gerade die unterschiedlich großen Liefermengen machen die Lagerprozesse in der Fashion Branche so komplex. (Foto: Erwin Lorenzen / www-pixelio.de)

Die Komplexität steigt. In Zeiten von E-Commerce, immer weiter steigender Kundenanforderungen bei gleichzeitig fallenden Preisen und zunehmend individualisierter Produkte und Kundenansprache, sind nun zusätzlich ganz andere Komplexitäten zu bewältigen. Die erforderliche Transformation hin zu echtem B2B2C basiertem Geschäft erfordert einen radikalen Paradigmenwechsel im gesamten Unternehmen, der nahezu alle Bereiche betrifft. Nicht immer sind alle Stakeholder gleichermaßen begeistert und unterstützen proaktiv diese Veränderung. Eigeninteressen drohen beschnitten zu werden oder müssen aufgegeben werden, neues Denken und neue Kompetenzen sind gefragt. E-Commerce ist seit Jahren da und wird auch künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Ein Verweilen in alten Schuhen führt somit zwangsläufig zum Tod auf Raten und die Veränderung gesamtheitlich anzugehen bedeutet an vielen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen. Auch aus der Sicht der Logistik ist ein stimmiges Gesamtkonzept zwingend erforderlich, um künftigen Anforderungen in Bezug auf Flexibilität und Skalierbarkeit gewachsen zu sein.

Die erforderliche Transformation hin zu echtem B2B2C basiertem Geschäft erfordert einen radikalen Paradigmenwechsel im gesamten Unternehmen, der nahezu alle Bereiche betrifft.

Individualisierung wächst. Ein bemerkenswerter Trend, der sich auch in der Modebranche zeigt, ist die stärkere Individualisierung der Produkte und bei der Kundenansprache. Vorreiter bei individualisierten Produkten waren die Automobilhersteller. Bestellt ein Kunde einen Neuwagen, hat er nahezu unendliche Variationsmöglichkeiten, sodass kaum zwei identische Autos gefertigt werden können. Für die Erfüllung seiner Sonderwünsche ist der Käufer bereit, längere Lieferzeiten in Kauf zu nehmen. Einige Sportartikelhersteller gehen bereits heute ähnliche Wege und ermöglichen, z.B. Schuhe gegen einen geringen Aufpreis zu individualisieren – über Farben, Beschriftung etc.

Fashionlogistik – Schuhe aus dem Drucker

Eine Schippe drauf packt beispielsweise Adidas. Das Unternehmen aus Herzogenaurach will sich künftig bei der Fertigung seiner Produkte zunehmend der 3D-Druck-Technologie bedienen und jedem Käufer den passenden Schuh anbieten. Abhängig von Gewicht, Fußform und Laufstil sollen individuelle Sohlen im 3D-Druck erstellt werden. So entstehen in sogenannten Speed-Factories personalisierte Schuhe in einer ganz neuen Dimension – bei einer Lieferzeit von 2 Tagen. Noch einen Schritt weiter geht der dänische Schuhhersteller ECCO.

Vermarktung ab jetzt. Mit „Quant-U“ hat ECCO ein System entwickelt, mit dem maßgeschneiderte Schuhe mit Hilfe von 3D-Druckern bereits innerhalb weniger Stunden vor Ort hergestellt werden können. Dabei können die Kunden die Schuhe nahezu vollständig benutzerdefiniert anpassen – so zumindest die Ankündigung des Unternehmens auf seiner Website. Im Concept Store von ECCO in Amsterdam soll ab April dieses Jahres die Vermarkung gestartet werden.

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Neben der Artikelvielzahl und der Heterogenität der Produkte sind es aber vor allem die logistischen Prozesse, die eine Lagerplanung vor Herausforderungen stellen. (Foto: Erwin Lorenzen / www.pixelio.de)

3D-Druck vs. Establishment. Was passiert also, wenn der 3D-Druck auf eine seit Jahren etablierte Branche trifft? Können die Leistungen der Unternehmen aufgrund dieser neuen Technologie sich womöglich vollständig wandeln? Werden dann Sportartikelhersteller wie Nike in zehn Jahren zu einem reinen Softwareanbieter, wie es Biz Stone, der Mitbegründer von Twitter, bereits am 9. Mai 2014 twitterte? Hält dann die grundsätzlich lokale Produktion in „Losgröße Eins“ Einzug in eine Branche, die sich seit Mitte der 1950er Jahre durch Standardisierung und Stangenware auszeichnete? Eher nein. Ein generelles Zurück zur Maßkleidung wird es auch im Zeitalter des 3D-Druckers und von Industrie 4.0 voraussichtlich nicht geben, aber es wird sich eine bedeutende Nische herausbilden. Wie groß diese Nische wird, bleibt abzuwarten. Um aber auf die sich ändernden Kundenanforderungen flexibel reagieren zu können, müssen heute bestehende lagerbasierte Konzepte radikal überdacht und an die neuen Anforderungen adaptiert werden.

Ein generelles Zurück zur Maßkleidung wird es auch im Zeitalter des 3D-Druckers und von Industrie 4.0 voraussichtlich nicht geben, aber es wird sich eine bedeutende Nische herausbilden.

 Was der Kunde will

Auf individualisierte Kundenansprache muss dagegen nicht länger gewartet werden. Durch das Smartphone ist aus E-Commerce mittlerweile M-Commerce geworden. Mit mobilen Endgeräten sind die Kunden aktiver und damit häufiger beim Einkaufen als mit dem stationären PC. Laut einer Studie der ECC Köln vom November 2016 kaufen rund 77 Prozent  der befragten Frauen der Altersgruppe 25 bis 40 Jahren Mode und artverwandte Produkte häufiger mit dem Smartphone als noch vor drei Jahren. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen kauft mindestens einmal im Monat mobil, nach Anregungen und Inspiration suchen rund 62 Prozent  der Stopperinnen zumindest wöchentlich. Interessant dabei ist, dass 77 Prozent  der befragten Frauen am liebsten in der gemütlichen Atmosphäre zu Hause kaufen – aber eben mit dem Smartphone.

Radikal mit M-Commerce. Mit M-Commerce ändern sich die Möglichkeiten der Kundenansprache radikal. Über ortsbezogene Werbung und Kommunikation kann der Nutzer mit genau den Informationen versorgt werden, die er im Hier und Jetzt wünscht. Durch Real-Time-Analytics haben Händler die Möglichkeit, basierend auf der Auswertung früherer Homepage-Besuche, besonders die Produkte vorzuschlagen, die das Interesse des Kunden wecken. Push-Nachrichten können – richtig eingesetzt – ein besonders starkes Kundenbindungsinstrument sein. Sie erreichen den Kunden über das Smartphone-Display – also dort, wo er täglich etwa 150 Mal draufsieht. Zudem können Push-Nachrichten dem Benutzer Inhalte bieten, die exakt auf seine persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten sind: Live-Shopping-Angebote, Daily-Deals, Rabatt-Aktionen und App-Only-Gutscheine. Aktuelle Angebote in die richtige Geschichte verpackt verfehlen selten ihre Wirkung. Diese Art von personalisierter Ansprache hat nichts mehr mit den Postwurfsendungen der Vergangenheit zu tun.

Differenzierung erwünscht. Zudem scheinen die Kunden immer weniger zwischen den physischen und virtuellen Einkaufswelten unterscheiden zu wollen. Es zählen vor allem die kurzfristige Verfügbarkeit der gewünschten Produkte, die Möglichkeit, von einer Plattform aus zentral auf das Sortiment zugreifen zu können und die Wahlfreiheit bei Bezahl- und Versanddetails. Voraussetzung dafür sind verschiedenste Software-Lösungen, die den zahlreichen und komplexen Anforderungen des Omnichannel-Handels Rechnung tragen. Zu den ganz großen Innovationen, die das Kauferhalten der Zukunft massiv beeinflussen werden, gehört beispielsweise Augmented Reality (AR). AR ist mittlerweile auf bestem Weg, ein technisches Niveau zu erreichen, das eine virtuelle Anprobe ermöglicht. In der Entwicklung sind z.B. die Vermessung des Körpers via Webcam oder die Modellierung der eigenen Körpermaße über einen Avatar. Laut der ECC Köln-Studie würden rund 39 Prozent  der mobilen Kundinnen eine virtuelle Anprobe nutzen.

Impulskauf „Fashion“

Der Einkauf von Bekleidung, Schuhen und Accessoires ist zumeist recht impulsgetrieben. Häufig sucht der Käufer unter einem geradezu unendlichen Überangebot genau das, was er meist nicht dringend benötigt, aber unbedingt haben will. Händler, die während des Kaufprozesses eine stimmige und zum Produkt passende Geschichte erzählen, sind erfolgreicher. Sie erfüllen damit die Erwartungen des Kunden als einzigartige Persönlichkeit angesprochen zu werden. Produkttexte und Design der Ansprache müssen dazu auf die Zielperson zugeschnitten sein – komplettiert durch personalisierte Produktfilme. Chatbots, Virtual Promotion, künstliche Intelligenz, digital analytics, realtime locating … Das sind Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren schlichtweg unvorstellbar waren oder zumindest noch in den IT-Kinderschuhen steckten. Nun rücken diese Tools näher und könnten in Zukunft fester Bestandteil des Einkaufsverhaltens werden.

Knowhow gefragt. Für Unternehmen der Fashion-Branche, die B2B2C ernst nehmen, bedeutet das, dass sie nicht nur wissen müssen, was technologisch möglich ist, sondern auch, wie sich die vielfältigen technologischen Möglichkeiten in echten Kundennutzen überführen lassen. Somit wird IT-Kompetenz zum zentralen Differenzierungsmerkmal in einer Branche, in der es jahrzehntelang genügte, hauptsächlich über Design, Farben, Stoffe, Image und Preis zu punkten.

Für Unternehmen der Fashion-Branche, die B2B2C ernst nehmen, bedeutet das, dass sie nicht nur wissen müssen, was technologisch möglich ist, sondern auch, wie sich die vielfältigen technologischen Möglichkeiten in echten Kundennutzen überführen lassen.

In der Omnichannel-Falle

Neben IT-unterstützter Anwendungen, die primär den Vertrieb und das Marketing steuert, ist auch die Logistik direkt von den Veränderungen betroffen. Webshops beliebiger Unternehmen der Modebranche, gleichgültig, ob Hersteller oder Händler, bieten ein für den Kunden erfreulich reichhaltiges, für den Logistiker jedoch sehr anspruchsvolles und heterogenes Angebot. Von Sonnenbrillen und Modeschmuck über Taschen und Accessoires gelangt man zu den ursprünglichen Kernprodukten – also Bekleidung – und weiter zu Schuhen und Zubehör. Je nach Unternehmen ist das Sortiment noch weitreichender. Die Outdoor-Branche wäre hierfür ein gutes Beispiel. Bei Globetrotter und Bergzeit beispielsweise runden passende Sportartikel, Zelte, Schlafsäcke, Gaskocher, GPS-Systeme und Ähnliches das Sortiment ab. Der Restpostenverwerter TK Maxx hat die begehrtesten Top Marken und Designer Labels der Saison im Angebot – von Mode für die ganze Familie bis hin zu Accessoires, Beauty und Homeware. Und manchmal sogar auch Lebensmittel.

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Gerade die unterschiedlich großen Liefermengen machen die Lagerprozesse in der Fashion Branche so komplex. (Foto: Erwin / www.pixelio.de)

Je mehr, umso komplexer. Je weiter ein Unternehmen sich auf das Feld des „alles aus einer Hand“ einlässt, desto größer wird die Komplexität in der Lagerlogistik. Kleine, spezialisierte Unternehmen mit einem überschaubaren Sortiment und nur vergleichsweise wenigen Sendungen pro Tag, können sich noch mit rein manuellen Lösungen helfen und sind von den Anforderungen an die Logistik weniger betroffen. Ab einem gewissen Versandvolumen, und vor allem ab einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Artikel, ist Lagerautomatisierung zwingend erforderlich.

Vielfalt vs. Eindeutigkeit. Die Fashion-Branche ist gekennzeichnet durch eine besonders große Artikelvielfalt. Aus Sicht der Logistik definiert sich ein Artikel im Lager über seine Eindeutigkeit. Bei Modeartikeln erfolgt das zumeist über die Kombination aus Modell, Farbe und Größe – gegebenenfalls zusätzlich noch über das Jahr bzw. die Saison oder anderer Merkmale. Bei Hemden beispielsweise kommen Passform und Armlängen hinzu, bei Schuhen der Leisten. „Unisex“ oder „One size fits all“ Ansätze treffen wohl doch nicht so ganz die Kundenerwartung. So kommen große Vollsortimenter schnell auf 200.000 und mehr Artikel. Nicht alle Artikel sind reine Saisonware, nicht alle nur z.B. in einem Sommer verkaufbar. Dennoch ist gerade die Kurzlebigkeit ein Kennzeichen der Modebranche. Trends kommen und gehen nicht mehr im halbjährlichen Rhythmus. Die klassische Aufteilung in Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter ist noch die Regel, doch immer mehr Unternehmen versuchen sich mit kürzeren Saisons zu positionieren. Dies ist eine weitere Herausforderung für die Lagerlogistik, die besonders in den Übergangsphasen zu bewältigen ist.

Aus Sicht der Logistik definiert sich ein Artikel im Lager über seine Eindeutigkeit. Bei Modeartikeln erfolgt das zumeist über die Kombination aus Modell, Farbe und Größe – gegebenenfalls zusätzlich noch über das Jahr bzw. die Saison oder anderer Merkmale.

Marketingstrategien überdenken

Vielfach ist ein kritisches Überdenken dieser Vertriebs-/Marketingstrategie und des Artikelspektrums ein erster wichtiger Schritt. Eine Reduzierung des Sortiments auf ein gesundes Maß ist häufig nicht nur angebracht, sondern in Abstimmung mit der grundsätzlichen Unternehmensstrategie zwingend erforderlich. Sind beispielsweise Schuhpflegeprodukte wichtig, wenn Schuhe nur Nebenprodukte sind und dies auch bleiben sollen? Gleiches gilt für Batterien als Zubehör für GPS-Geräte, wenn eigentlich im Mittelpunkt des Geschäftsfeldes Outdoorbekleidung steht. Im Vergleich zum stationären Handel bietet der Onlinehandel den Vorteil, dass Kundeninteresse, Bestell- und Kaufverhalten viel detaillier analysiert werden können. Big Data ist hier ein zu Unrecht negativ geprägter Begriff. Verschiedene Systeme bieten hervorragende Möglichkeiten, Betrachtungs- und Klick-Verhalten auf der Homepage zu analysieren, beispielsweise wo die Kunden besonders lange verweilen, welche Produktkombinationen interessanter sind als andere. Die Ergebnisse bieten zusätzliche Daten für eine gesunde und zukunftsorientierte Sortimentsdefinition und unterstützen damit nachhaltig die Unternehmensausrichtung.

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Gerade Newcommer oder kleine Unternehmen sollten sich zunächst auf Märkte konzentrieren, die möglichst ohne aufwändige Zoll- und Versandaktivitäten bedient werden können. (Foto: Günter Havlena / www.pixelio.de

Fashionlogistik – Heterogenität sträflich unbeachtet

Ein Punkt, der an dieser Stelle nicht unbeachtet bleiben sollte, ist das Thema der Heterogenität der Produkte. Landläufig gilt als Fashion alles, was am Körper getragen wird. Doch vielfach reicht das Produktspektrum weit darüber hinaus. Die Vertriebs- und Marketingabteilungen zeigen mitunter große Phantasie bei der Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen. Die Entscheidung, künftig neben Freizeitbekleidung und Streetwear auch Businessanzüge oder Kleider in das Sortiment aufzunehmen, mag aus vielerlei Hinsicht richtig und passend sein. Die Auswirkungen auf die Logistik sollten aber berücksichtigt werden, denn von nun an ist auch Hängeware im Lager zu managen – mit eigener Lager- und Sortiertechnik, eigenen Prozessen und gegebenenfalls eigenen Verladerampen.

Landläufig gilt als Fashion alles, was am Körper getragen wird. Doch vielfach reicht das Produktspektrum weit darüber hinaus.

Liegewarespektrum wächst. Auch die Erweiterung des Liegewarenspektrums kann die Logistik vor Herausforderungen stellen. Zwar werden Blusen, Businesshemden und Accessoires liegend gelagert und verschickt, sind aber eventuell nicht mit der bereits vorhandenen automatischen Sortiertechnik direkt in Versandkartons abwerfbar und bedürfen daher anderer logistischer Prozesse. Gleiches gilt auch für Schuhe, Möbel, Wohn-, Küchen- und Tischkultur – Produkte, die zudem üblicherweise anders gelagert, kommissioniert, verpackt und versandt werden. Mit Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmitteln oder leicht entzündlichen Stoffen wird das Sortiment vielleicht sinnvoll abgerundet, gleichzeitig aber auch rechtliches Neuland betreten. Rahmenbedingungen, die in Bezug auf Bau, Lagerung, Logistikprozess und auch von der IT neu abzubilden sind.

(Anlässlich des SAP Infotags für Lager- und Transportmanagement am 11. Oktober 2016 in Mannheim stellte IGZ das Projekt „SAP EWM in der Fashion Logistik“ vor, das gemeinsam mit der Freier Group Logistics – der eigenständigen Logistikgesellschaft der s.Oliver Group – umgesetzt wurde.)

Herausforderung Fashionlogistik

Neben der Artikelvielzahl und der Heterogenität der Produkte sind es aber vor allem die logistischen Prozesse, die eine Lagerplanung vor Herausforderungen stellen. Kundenindividuelle value added services sowie Anpassungen an Produkten sind Services, die im Trend liegen, bedürfen aber auch der Unterstützung der IT und der Logistik. Um die Gesamtbestände möglichst gering zu halten, muss ein Zentrallager sowohl Regionalläger als auch Geschäfte beliefern, also B2B abdecken. Wie sieht es mit E-Commerce-Endkunden aus, also mit B2C? Werden falsche Erwartungen bzw. unrealistische Rahmenbedingungen an die Logistik gestellt, droht schnell die Omnichannel-Falle. Denn die verschiedenen Vertriebskanäle haben nicht nur verschiedene Anforderungen an Durchlaufzeiten, sondern üblicherweise extrem unterschiedliche Auftragsgrößen, sehr unterschiedlich planbare Lieferhorizonte und heterogene Zusatztätigkeiten wie Preisauszeichnung, kundenindividuelle Verpackung, Transportsicherung etc.

Kundenindividuelle value added services sowie Anpassungen an Produkten sind Services, die im Trend liegen, bedürfen aber auch der Unterstützung der IT und der Logistik.

Große Liefermengen. Gerade die unterschiedlich großen Liefermengen machen die Lagerprozesse in der Fashion Branche so komplex. Gerne spricht man in Bezug auf E-Commerce von der Atomisierung der Lieferung. Sind von einem Artikel 100 Stück an einem Tag zu verschicken, macht es für Logistik, IT, Buchhaltung etc. einen erheblichen Unterschied, ob beispielsweise vier Vollkartons an einen Großhändler verschickt werden, oder 100 verschiedene B2C-Aufträge betroffen sind, die zudem noch mit weiteren, zumeist unterschiedlichen Artikeln komplettiert werden müssen.

 An der Rampe hört‘s nicht auf

Nach wie vor ist im E-Commerce das Problem der letzten Meile unbefriedigend gelöst. Drohnen oder Paketroboter, intelligente Paketboxen, Lieferung bis in die Wohnung bzw. in den Kofferraum dank smart locks, Abholung an drop-off Punkten … viele interessante Ansätze, doch noch hat sich keine durchgängige Lösung durchsetzen können. Sobald auch hier die Kundenerwartung erfüllt wird, ist mit einem weiteren push zu rechnen.

Nach wie vor ist im E-Commerce das Problem der letzten Meile unbefriedigend gelöst …. Sobald auch hier die Kundenerwartung erfüllt wird, ist mit einem weiteren push zu rechnen.

„Click and Collect“. Ein Versandverfahren, das mehr die Retailer und deren Logistik betrifft, ist „Click and Collect“. Hier bestellt der Kunde im Internet und holt die Ware im Geschäft ab. Das ist keine neue Erfindung, doch erst mit durchgängigen IT-Systemen, die den Bestand in jeder Filiale kennen, ist eine Umsetzung technisch sinnvoll und machbar. Grundsätzlich wäre das Kundeninteresse hoch, aber erst eine kleine Minderheit nutzt diese Möglichkeit. Eine Untersuchung von Deloitte aus dem Jahr 2016 zeigt mit einem Anteil von 15 Prozent  die höchste Nutzung in den USA. In Deutschland zeigen 13Prozent  der Befragten Interesse, aber nur 9Prozent  nutzen diese Möglichkeit tatsächlich. Auf Anbieterseite ist vor allem im englischsprachigen Ausland Click and Collect im Handel bereits gängige Praxis. In Deutschland stellt diese Vertriebsform noch eine Besonderheit dar. Die ersten großen Unternehmen wie Karstadt und C&A bieten Click and Collect für die eigenen Filialen an. Darüber hinaus gibt es auch unabhängige Dienstleister, die als Plattform dienen und Retailern ermöglichen, nicht nur das eigene Filialnetz als Abholstellen zu benutzen, sondern auch selbstständige Einzelhändler. Zudem können auch reine „Pick-Up“ Station eingebunden werden. Gemäß einer Studie von Statista hat Click and Collect in Deutschland noch viel Luft nach oben. Interessant wird dieser Versandweg für beide Seiten spätestens dann, wenn darüber auch Retouren abgewickelt werden.

(Milavitsa mit Sitz in Minsk, Weißrussland, zählt zu den größten Produzenten von Damenunterwäsche in Osteuropa. Das Produktsortiment ist durch hohe Qualität und elegantes Design im mittleren Marktsegment gekennzeichnet wird und erfolgreich in über 25 Ländern auf der ganzen Welt verkauft, wobei die Hauptmärkte in Weißrussland, Russland, der Ukraine und in Europa liegen. Das Unternehmen ist Teil der internationalen Silvano Fashion Group.)

Zielmärkte entscheiden mit

Abschließend noch eine kurze Bemerkung hinsichtlich möglicher Zielmärkte: Gerade Newcommer oder kleine Unternehmen sollten sich zunächst auf Märkte konzentrieren, die möglichst ohne aufwändige Zoll- und Versandaktivitäten bedient werden können. Zudem gibt es im Fashionbereich mitunter Restriktionen hinsichtlich des Ziellandes eines Produktes. So kann es beispielsweise Beschränkungen hinsichtlich Symbole und Designs (z.B. Kreuz / Davidstern bei Export in muslimische Länder) oder Materialien (Stichwort: nationale Artenschutzbestimmungen, Nachweis über verwendete Materialien) geben. Also: Nicht alles darf in jedes Land exportiert werden. Somit können neben style-color-size – und weiterer klassischer Merkmale eines Artikels – auch noch Kennzeichen bezüglich des Ziellandes zum Tragen kommen. Auch hier ist zunächst Konzentration auf Schwerpunktmärkte ein richtiger Ansatz – neben der Verwendung der geeigneten IT-Systeme. Beides sind abteilungsübergreifende Entscheidungen, die nur in Abstimmung mit dem Top-Management erfolgreich umgesetzt werden können.

Nicht alles darf in jedes Land exportiert werden. Somit können neben style-color-size – und weiterer klassischer Merkmale eines Artikels – auch noch Kennzeichen bezüglich des Ziellandes zum Tragen kommen.

Fashionlogistik – Der Kunde steht im Fokus

Bei der Transformation von B2B mit bis dato alibihaftem E-Commerce hin zu vollwertigem B2B2C – also die gleichwertige Stellung des Onlinehandels und des klassischen Verkaufs über den stationären Handel – geht es nicht um Wachstum, sondern um profitable Erfüllung der geänderten Kundenerwartungen. Um die Transformation erfolgreich zu bewerkstelligen sind nahezu alle Teilbereiche des Unternehmens involviert – besonders aber die Unternehmensleitung. Der Adidas-Firmenchef Kasper Rorsted bringt das sehr gut auf den Punkt: „Unsere Webseite ist unser wichtigster Store auf der Welt.“ Denn auf Dauer will Adidas immer weniger echte Läden halten, da die Kunden zunehmen online kaufen werden. Die Digitalisierung wird also auch die Fashionbranche nachhaltig verändern. Überleben können künftig nur Unternehmen mit einer auf digitale Kompetenz setzenden Strategie. Daneben müssen aber auch bewährte Lagerprozesse und -technologien auf den Prüfstand und neuen Systemansätzen wie dem Taschensorter oder „Kiva“-Robotern gegenübergestellt werden.

 

Korbinian Sapper (Foto: Schaab+Partner)
Korbinian Sapper (Foto: Schaab+Partner)
*Korbinian Sapper, geboren 1966 in München, studierte Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Logistik und Management an der Universität Augsburg. Seit über 20 Jahren ist er branchenübergreifend im internationalen Projektgeschäft in der Intralogistik tätig. Zuletzt leitete Herr Sapper bei SSI Schäfer den Marktsektor Fashion. In diese Rolle war er maßgeblich an Konzeption, Entwicklung und Vermarktung des Taschensorters SSI Carrier beteiligt. Seit Anfang 2018 ist er Senior-Managementberater bei der Gautinger Logistikberatung Dr. Schaab + Partner (http://www.dr-schaab.de/) .